Neu in WCAG 2.2: Die 9 neuen Erfolgskriterien
Im Oktober 2023 hat das W3C die WCAG 2.2 als offizielle Empfehlung veröffentlicht. Gegenüber Version 2.1 sind neun neue Erfolgskriterien hinzugekommen – und ein altes wurde entfernt. Hier ist der Überblick.
Was sich in WCAG 2.2 ändert
WCAG 2.2 ist vollständig rückwärtskompatibel zu WCAG 2.1. Wer bereits die ältere Version erfüllt, hat den größten Teil schon erledigt. Hinzu kommen neun neue Erfolgskriterien, davon zwei auf Stufe A, vier auf Stufe AA und drei auf Stufe AAA.
Außerdem wurde das Erfolgskriterium 4.1.1 Syntaxanalyse (Parsing) ersatzlos entfernt. Es war ursprünglich für Hilfstechnologien wichtig, die Webseiten selbst interpretieren mussten – heute übernehmen das die Browser. Die WCAG 2.2 enthält damit insgesamt 87 Erfolgskriterien (gegenüber 78 in WCAG 2.1, abzüglich des entfernten Kriteriums).
Übersicht: Alle 9 neuen Kriterien
Die neuen Kriterien zielen auf drei Bereiche: bessere Sichtbarkeit des Tastaturfokus, einfachere Bedienung mit Maus und Touch sowie kognitive Erleichterungen (etwa bei Logins und Formularen).
Fokus-Sichtbarkeit (Kriterien 2.4.11–2.4.13)
Drei der neuen Kriterien sorgen dafür, dass Tastaturnutzer:innen jederzeit erkennen können, wo sich der Fokus gerade befindet. Das war zwar schon bisher gefordert (Kriterium 2.4.7), wurde nun aber erheblich präzisiert.
Fokus nicht verdeckt (Minimum)
AAWenn ein Bedienelement den Tastaturfokus erhält, darf es nicht vollständig durch andere Inhalte verdeckt sein – etwa durch fixierte Header, Cookie-Banner oder modale Fenster. Mindestens ein Teil muss sichtbar bleiben.
Warum wichtig: Bei sticky-positionierten Elementen wandert der Fokus oft hinter den Banner – ohne dieses Kriterium navigiert man blind.
Fokus nicht verdeckt (Erweitert)
AAAVerschärfung von 2.4.11: Der Fokus muss vollständig sichtbar bleiben – keinerlei Verdeckung durch andere Elemente ist erlaubt.
Erscheinungsbild des Fokus
AAADer Fokus-Indikator muss eine Mindestgröße haben (entsprechend einem 2 CSS-Pixel breiten Rahmen) und einen Kontrast von mindestens 3:1 zwischen fokussiertem und nicht-fokussiertem Zustand aufweisen.
Bedienung mit Maus und Touch (2.5.7, 2.5.8)
Zwei Kriterien zielen auf einfachere Bedienung mit Zeigegeräten, besonders auf Touchscreens. Sie helfen Menschen mit motorischen Einschränkungen, älteren Nutzer:innen und allen, die mit Tremor oder ungenauer Feinmotorik arbeiten.
Ziehende Bewegungen
AAAlle Funktionen, die per Ziehen (Drag & Drop, Schieberegler, Karussells) bedient werden, müssen auch ohne Ziehbewegung mit einem einzelnen Klick oder Tippen erreichbar sein.
Warum wichtig: Ziehbewegungen sind für viele Nutzer:innen schwierig oder unmöglich. Pfeil-Buttons neben Karussells erfüllen das Kriterium.
Zielgröße (Minimum)
AAKlickbare Bereiche müssen mindestens 24 × 24 CSS-Pixel groß sein – oder einen Mindestabstand von 24 Pixeln zu anderen klickbaren Zielen haben. Ausnahmen gelten für Inline-Links im Fließtext.
Warum wichtig: Zu kleine Tap-Targets sind eine der häufigsten Mobile-Barrieren. Das AAA-Kriterium 2.5.5 fordert sogar 44 × 44 Pixel.
Kognitive Erleichterungen (3.2.6, 3.3.7)
Zwei Kriterien auf Stufe A reduzieren kognitive Belastung in Prozessen und vereinfachen Hilfefunktionen.
Konsistente Hilfe
AWenn eine Website Hilfefunktionen wiederholt anbietet (z.B. Chat, Kontaktformular, FAQ-Link), müssen diese auf allen Seiten in derselben relativen Reihenfolge stehen – nicht zwingend an derselben Bildschirmposition, aber in der Tab-Reihenfolge.
Redundante Eingabe
AInnerhalb eines Prozesses (z.B. mehrseitiges Formular) müssen Daten, die bereits eingegeben wurden, nicht erneut von Hand eingegeben werden müssen – sie sind entweder automatisch vorausgefüllt oder zur Auswahl verfügbar.
Warum wichtig: Redundante Eingabe ist für Menschen mit Gedächtnisproblemen, Aufmerksamkeitsstörungen oder motorischen Einschränkungen eine reale Barriere.
Barrierefreie Authentifizierung (3.3.8, 3.3.9)
Zwei besonders praxisrelevante neue Kriterien betreffen Login- und Authentifizierungsprozesse. Sie verhindern, dass Logins von kognitiven Funktionstests abhängig gemacht werden.
Barrierefreie Authentifizierung (Minimum)
AAKognitive Funktionstests wie das Merken eines Passworts, das Lösen von Rätseln oder klassische CAPTCHAs dürfen für einen Login-Prozess nicht zwingend erforderlich sein. Es muss mindestens eine alternative Methode angeboten oder ein Hilfsmechanismus bereitgestellt werden (z.B. Passwort-Manager-Kompatibilität, biometrische Authentifizierung, Magic Link).
Warum wichtig: Komplexe Passwörter zu erinnern und CAPTCHAs zu lösen, sind für viele Menschen mit kognitiven Einschränkungen unüberwindbare Hürden. Das neue Kriterium adressiert das direkt.
Barrierefreie Authentifizierung (Erweitert)
AAAVerschärfung von 3.3.8: Die Ausnahmeregelung „Objekterkennung oder persönliche Inhalte" gilt nicht mehr – auch Bilderkennungs-CAPTCHAs sind unzulässig.
Was das für deine Website bedeutet
Wenn deine Website bereits WCAG 2.1 AA erfüllt, fehlen dir noch die fünf neuen AA-Kriterien (2.4.11, 2.5.7, 2.5.8, 3.3.8) und zwei A-Kriterien (3.2.6, 3.3.7). Das ist der schnellste Weg zur WCAG 2.2 AA-Konformität.
Die typischen Knackpunkte in der Praxis sind: sticky Header, die den Tastaturfokus verdecken, zu kleine Touch-Targets in Mobile-Layouts und komplexe Login-Flows mit CAPTCHAs ohne Alternative.
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