Daten zur Barrierefreiheit
Wie viele Menschen sind eigentlich betroffen? Wie steht es um die Barrierefreiheit der Websites? Auf diese Fragen gibt es Zahlen, aber sie messen sehr Unterschiedliches. Hier sammeln wir die wichtigsten Studien und Kennzahlen zur digitalen Barrierefreiheit, jeweils mit Quelle, Jahr, Befund und einer ehrlichen Einordnung: Was ist hier gut gemacht, und worauf musst du beim Übertragen achten?
Wie diese Sammlung funktioniert
Diese Seite ist der erste konkrete Baustein unserer Datenbank für Barrierefreiheit. Sie bündelt die großen, übergeordneten Zahlen: Wie verbreitet sind Behinderungen, und wie barrierefrei ist das Web? Jede Kennzahl steht in einer kurzen Datenkarte mit immer demselben Aufbau, so dass du Befund und Grenzen auf einen Blick erfassen kannst.
- Befund
- Die Kernzahl in einem Satz.
- Methodik
- Wie wurde gemessen, wer war dabei?
- Reichweite
- Wofür sagt die Zahl aus, wofür nicht?
- Quelle
- Link zur Originalstudie oder Erhebung.
Wichtig vorab: Die folgenden Zahlen messen verschiedene Dinge. Wie viele Menschen eine Behinderung haben, wie viele eine Sehbeeinträchtigung haben und wie viele einen amtlichen Schwerbehindertenausweis besitzen, sind drei verschiedene Fragen mit drei verschiedenen Antworten. Keine davon ist „die richtige": Sie ergänzen sich, solange man sie nicht vermischt.
Wie viele Menschen betrifft das?
Schon die scheinbar einfache Frage „Wie viele Menschen haben eine Behinderung?" hat keine einzige Antwort. Sie hängt davon ab, was man zählt: eine medizinische Diagnose, eine selbst berichtete Einschränkung im Alltag oder einen amtlich anerkannten Status. Drei seriöse Quellen, drei unterschiedliche Zahlen.
Rund 1,3 Milliarden Menschen weltweit
- Befund
- Etwa 1,3 Milliarden Menschen, rund 16 Prozent der Weltbevölkerung, leben mit einer bedeutsamen Behinderung. Die Zahl wächst durch alternde Bevölkerungen und die Zunahme chronischer Erkrankungen.
- Methodik
- Globale Schätzung der Weltgesundheitsorganisation auf Basis von Modellrechnungen. „Bedeutsame Behinderung" ist breit definiert und umfasst sehr unterschiedliche Beeinträchtigungen.
- Reichweite
- Gut für die Größenordnung des Themas weltweit. Sagt nichts darüber, wie viele dieser Menschen digitale Angebote nutzen oder welche Hilfsmittel sie brauchen.
- Quelle
- who.int, Global Report on Health Equity for Persons with Disabilities
Mindestens 2,2 Milliarden mit Sehbeeinträchtigung
- Befund
- Weltweit haben mindestens 2,2 Milliarden Menschen eine Sehbeeinträchtigung. Bei mindestens einer Milliarde davon wäre sie vermeidbar oder noch nicht versorgt, etwa durch eine Brille oder eine Katarakt-Behandlung.
- Methodik
- Breite Definition: Die Zahl schließt auch leichte und gut korrigierbare Formen ein, zum Beispiel Alterssichtigkeit (rund 826 Millionen) und unkorrigierte Fehlsichtigkeit.
- Reichweite
- Zeigt das Ausmaß von Sehbeeinträchtigung insgesamt. Nicht zu verwechseln mit der Zahl blinder Menschen oder mit der Zahl der Screenreader-Nutzer:innen, die deutlich kleiner ist.
- Quelle
- who.int, World Report on Vision
Gut ein Viertel der Erwachsenen in der EU
- Befund
- In der EU berichteten 2023 rund 7,2 Prozent der Menschen ab 16 Jahren eine starke und rund 19,6 Prozent eine mäßige Einschränkung bei alltäglichen Aktivitäten. Zusammen also gut ein Viertel.
- Methodik
- Selbstauskunft über den sogenannten GALI-Indikator: Gefragt wird nach Einschränkungen bei üblichen Aktivitäten aus gesundheitlichen Gründen über mindestens sechs Monate. Erhoben über große EU-Befragungen wie EHIS und EU-SILC.
- Reichweite
- Erfasst gefühlte Alltags-Einschränkung, keine medizinische Diagnose und keinen amtlichen Status. Gut vergleichbar zwischen EU-Ländern, aber von der Selbsteinschätzung abhängig.
- Quelle
- ec.europa.eu/eurostat, Population with disability
7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland
- Befund
- Zum Jahresende 2023 lebten in Deutschland rund 7,9 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Schwerbehinderung, das waren 9,3 Prozent der Bevölkerung.
- Methodik
- Verwaltungs-Statistik des Statistischen Bundesamts. Gezählt werden nur Personen mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50 und gültigem Ausweis.
- Reichweite
- Sehr genau für den amtlich anerkannten Status. Unterschätzt die Gesamtzahl von Menschen mit Behinderung, weil ein Grad unter 50 oder ein fehlender Ausweis nicht mitzählt. Sagt nichts über digitale Barrieren aus.
- Quelle
- destatis.de, Pressemitteilung Juli 2024
Wie barrierefrei sind die Websites?
Von den Menschen zu den Seiten: Der bekannteste wiederkehrende Befund zur Barrierefreiheit von Websites kommt aus der WebAIM Million, einer jährlichen automatischen Auswertung der Startseiten der eine Million meistbesuchten Websites.
95,9 % der Startseiten mit erkennbaren WCAG-Fehlern
- Befund
- Auf 95,9 Prozent der untersuchten Startseiten fanden sich automatisch erkennbare Verstöße gegen die WCAG 2.2 (Stufe A/AA). Im Schnitt waren es 56 Fehler pro Seite. Auffällig: Nach Jahren leichter Besserung ist der Wert 2026 erstmals wieder gestiegen.
- Methodik
- Automatischer Test mit dem Werkzeug WAVE. Wichtig: Automatische Tests finden nur einen Teil aller möglichen Barrieren. WebAIM betont selbst: Werden keine Fehler erkannt, heißt das nicht, dass eine Seite barrierefrei ist.
- Reichweite
- Belastbar für maschinell erkennbare Fehler auf Startseiten und für Trends über die Jahre. Nicht zu lesen als „95 Prozent aller Websites sind unbenutzbar": Unterseiten, manuell prüfbare Kriterien und die tatsächliche Bedienbarkeit sind nicht erfasst.
- Quelle
- webaim.org, The WebAIM Million 2026
Besonders nützlich ist, dass sich die Masse der Fehler auf wenige Typen konzentriert. Sechs Fehlerarten machen rund 96 Prozent aller gefundenen Fehler aus, und das seit sieben Jahren konstant. Wer diese sechs in den Griff bekommt, verbessert die Barrierefreiheit spürbar.
| Fehlerart | Anteil der Startseiten |
|---|---|
| Zu geringer Textkontrast | 83,9 % |
| Fehlender Alternativtext für Bilder | 53,1 % |
| Fehlende Formular-Beschriftung | 51 % |
| Leere Links | 46,3 % |
| Leere Schaltflächen | 30,6 % |
| Fehlende Sprachauszeichnung | 13,5 % |
Ein Detail mit Bezug zum DACH-Raum: Startseiten auf Deutsch schnitten
mit durchschnittlich 46,9 Fehlern besser ab als der weltweite
Durchschnitt von 56,1, ebenso die Seiten unter der Endung .de
. Das ist ein erfreulicher, aber kein triumphaler
Befund, denn auch hier hat fast jede Startseite erkennbare Fehler.
Alle Kennzahlen auf einen Blick
Die folgende Übersicht fasst die Quellen dieser Seite zusammen, inklusive der jeweiligen methodischen Einschränkung. Sie ist als schnelle Orientierung gedacht, ersetzt aber nicht den Blick in die Originalquelle.
| Quelle (Jahr) | Kernbefund | Worauf achten |
|---|---|---|
| WHO (2022) | 1,3 Mrd. / 16 % weltweit mit bedeutsamer Behinderung | Globale Modell-Schätzung, breite Definition |
| WHO Vision (2019) | 2,2 Mrd. mit Sehbeeinträchtigung | Schließt leichte, korrigierbare Formen ein |
| Eurostat (2023) | rund 27 % der EU-Erwachsenen mit Alltags-Einschränkung | Selbstauskunft (GALI), keine Diagnose |
| Destatis (2023) | 7,9 Mio. / 9,3 % in Deutschland schwerbehindert | Nur amtlich anerkannt (GdB ab 50) |
| WebAIM Million (2026) | 95,9 % der Startseiten mit erkennbaren WCAG-Fehlern | Nur automatisch erkennbar, nur Startseiten |
Zwei Zahlen, die oft falsch gelesen werden
Wenn die Zahl stimmt, aber die Schlussfolgerung nicht
„Ein Viertel der Menschen braucht barrierefreie Angebote, also ein Viertel braucht einen Screenreader." Das vermischt zwei Ebenen. Die rund 27 Prozent aus den Eurostat-Daten umfassen sehr verschiedene Einschränkungen, von Mobilität über Hören bis zu kognitiven Themen. Nur ein kleiner Teil davon nutzt einen Screenreader. Barrierefreiheit hilft dieser ganzen Bandbreite, aber die Maßnahmen sind je nach Bedarf unterschiedlich.
„95 Prozent der Seiten haben Fehler, also ist das Web zu 95 Prozent unbenutzbar." Die Zahl bezieht sich auf automatisch erkennbare Fehler auf Startseiten. Ein einziger zu blasser Text reicht, damit eine Seite in die Statistik fällt. Das ist ein ernster Befund, bedeutet aber nicht, dass diese Seiten komplett unbedienbar sind. Umgekehrt heißt eine fehlerfreie automatische Prüfung auch nicht, dass eine Seite wirklich barrierefrei ist.
Warum die WebAIM-Umfragedaten zu Screenreadern nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar sind, erklären wir ausführlich auf der Übersichtsseite zur Datenanalyse. Diese Seite wächst weiter: Stück für Stück kommen weitere Studien und Datenpunkte dazu, jeweils mit Quelle, Befund und Einordnung.
Welche Zahlen passen zu deinem Vorhaben?
Ob Förderantrag, Strategie oder Schulungskonzept: Wir helfen dir, die passenden Kennzahlen zur Barrierefreiheit zu finden, richtig einzuordnen und sauber zu zitieren. Damit deine Argumente halten, auch wenn jemand genauer hinschaut.
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