Wissenschaftliches Schreiben · Data Science

Quarto und R Markdown: Barrierefreie wissenschaftliche Dokumente

In der Forschungs- und Datenwelt ist Quarto die moderne Antwort auf R Markdown – und seit Anfang 2026 endlich auch eine ernstzunehmende Lösung für barrierefreie PDFs. Diese Seite fasst den Stand zusammen, der bislang vor allem in englischsprachigen Quellen verstreut ist.

  • 11 Minuten Lesezeit
  • Stand: Mai 2026

Was Quarto und R Markdown sind

R Markdown ist seit etwa 2014 das verbreitete Werkzeug für reproduzierbare wissenschaftliche Dokumente in der R-Community. Es kombiniert narrativen Text in Markdown-Syntax mit ausführbarem R-Code – und erzeugt daraus HTML, PDF oder Word-Dokumente.

Quarto ist die 2022 vorgestellte Nachfolge-Generation, entwickelt von Posit (vormals RStudio). Quarto erweitert das R-Markdown-Konzept um Sprach-Unabhängigkeit: Es funktioniert mit R, Python, Julia, JavaScript-Observable im selben Dokument. Die Syntax ist weitgehend kompatibel, die Architektur deutlich moderner.

Beide nutzen unter der Haube dieselbe Pipeline: .qmd - oder .Rmd -Dateien werden via Pandoc nach LaTeX konvertiert und dort zu PDF gerendert. Für HTML- und DOCX-Ausgabe gibt es eigene Wege.

Warum Barrierefreiheit hier relevant ist

Quarto und R Markdown werden in Bereichen eingesetzt, die direkt von Barrierefreiheits-Gesetzgebung betroffen sind:

  • Hochschulen produzieren mit Quarto Vorlesungsskripte, Übungsblätter und Forschungsberichte. In Deutschland greift hier teils die BITV 2.0 (öffentliche Stellen), in vielen EU-Ländern äquivalente Vorgaben.
  • Statistische Ämter und Forschungsinstitute veröffentlichen datenintensive Berichte – häufig PDF, häufig aus R-Markdown-Pipelines.
  • Reproduzierbare Forschungs-Publikationen setzen zunehmend auf Quarto. Mit dem Inkrafttreten des EAA im Juni 2025 wird Barrierefreiheit auch für viele Verlage zur rechtlichen Pflicht.
  • Pharma- und Klinikberichte(Stichwort PharmaSUG) nutzen Quarto und R Markdown für automatisierte Studien-Reports. Auch hier steigen die Compliance-Anforderungen.

Bis Anfang 2026 war die Antwort der Quarto-Community auf Barrierefreiheits- Fragen ausweichend: Wer ein getaggtes PDF brauchte, sollte das Dokument besser zu HTML oder Word rendern und von dort ein PDF exportieren. Das hat sich grundlegend geändert.

Der Stand 2026: Quarto 1.9 bringt PDF/UA-Unterstützung

Im März 2026 hat das Quarto-Team einen detaillierten Blog-Post veröffentlicht, der die neue Lage zusammenfasst. Die Kernpunkte:

  • Quarto 1.9 baut auf den im Jahr 2025 veröffentlichten Erweiterungen von LaTeX und Typst auf. Beide Engines unterstützen jetzt PDF/UA-Standards.
  • LaTeX-Backend(Standard für die meisten Quarto-PDFs): unterstützt jetzt PDF/UA-2 – den moderneren Standard auf Basis von PDF 2.0.
  • Typst-Backend(modernere, schnellere Alternative): unterstützt PDF/UA-1, mit PDF/UA-2-Support geplant für später im Jahr 2026.
  • Aktiviert wird das über den neuen YAML-Schlüssel pdf-standard . Quarto validiert das Ergebnis automatisch mit dem Open-Source-Tool veraPDF.

Das ist genau richtig zur Zeit, in der die rechtlichen Anforderungen greifen: EAA in der EU seit Juni 2025, ADA Title II Update in den USA ab April 2026.

Minimalbeispiel mit PDF/UA-Export

So sieht ein minimales Quarto-Dokument aus, das ein PDF/UA-2-konformes PDF über LaTeX erzeugt:

bericht.qmd Quarto · YAML + Markdown
 --- 
 title: 
 "Analyse Q1 2026" 
 author: 
 "Silta Team" 
 lang: 
 de 
 format: 
 pdf: 
 pdf-engine: 
 lualatex 
 pdf-standard: 
 ua-2 
 --- 
 ## Einleitung 
Dieser Abschnitt wird automatisch als <H2> 
-Tag
ausgezeichnet, der Fließtext darunter als <P>. ## Daten 
![Verteilung der Werte nach Region](abb-region.png){ #fig-region 
fig-alt= "Balkendiagramm: Süd 42%, Nord 28%, West 18%, Ost 12%." 
}
Tabelle mit Header-Zeile:
| Region | Umsatz Q1 | Anteil |
|--------|----------:|-------:|
| Süd    |   124.500 |    42% |
| Nord   |    83.200 |    28% |

Drei Dinge sind hier wichtig:

  • lang: de im YAML-Header – sonst spricht der Screenreader deutsche Inhalte mit englischer Aussprache aus.
  • pdf-standard: ua-2 – aktiviert die PDF/UA-2-Pipeline, inklusive Validierung.
  • fig-alt bei jeder Abbildung – ohne Alternativtext fällt die Datei durch die veraPDF-Prüfung.

Das Quarto-Team empfiehlt LuaLaTeX als Engine ( pdf-engine: lualatex ), weil das die beste Unterstützung für moderne Tagging-Features bietet. Mehr Hintergrund dazu in unserer Seite zu LaTeX und Barrierefreiheit.

Was Markdown-Strukturen automatisch leisten

Der praktische Vorteil von Quarto: Die Markdown-Syntax ist von Natur aus semantisch. Wer Markdown korrekt schreibt, produziert automatisch korrekt taggable Inhalte.

  • Überschriften mit # , ## , ### werden zu <H1> bis <H6>.
  • Absätze sind einfache Textblöcke mit Leerzeile davor – werden zu <P>.
  • Listen(geordnet wie ungeordnet) werden zu strukturierten <L>-Elementen mit korrekten <LI>-Einträgen.
  • Tabellen mit Pipe-Syntax bekommen Header-Zeilen automatisch als <TH>.
  • Code-Blöcke werden als <Code> markiert und vom Screenreader korrekt behandelt.
  • Querverweise auf Abbildungen, Tabellen, Abschnitte (Quartos @fig-region , @tbl-umsatz usw.) werden zu korrekt verlinkten PDF-Tags.
  • YAML-Metadaten(Titel, Autor, Sprache, Datum) werden direkt in die PDF-Metadaten geschrieben – ohne manuellen Zwischenschritt.

Tom Palmer (Universität Bristol) hat dazu eine vielzitierte Anleitung im R-Bloggers-Netzwerk veröffentlicht: Mit konsequenter Anwendung dieser Markdown-Strukturen stieg sein Accessibility-Score in der Lehre von 67 % auf 98 % – ohne externe Werkzeuge.

Bekannte Stolperfallen

Die schlechte Nachricht: Nicht alle Quarto-Features sind PDF/UA-kompatibel. Der Quarto-Blog dokumentiert für die zwei Backends getrennt.

LaTeX-Backend (PDF/UA-2)

  • Marginalien-Inhalte(Quartos .column-margin , cap-location: margin , citation-location: margin ) bestehen die PDF/UA-2-Prüfung nicht. Die zugrunde liegenden LaTeX-Pakete sidenotes und marginnote arbeiten nicht mit dem Tagging-System zusammen.
  • Markdown-Tabellen in Quarto liefern manchmal nicht alle Header-Informationen ins PDF. Tom Palmer empfiehlt deshalb das R-Paket gt für komplexere Tabellen – das produziert verlässlichere Strukturen.
  • Bestimmte Pakete brechen unter dem neuen LaTeX-Tagging- Kern. Das caption -Paket etwa hatte im Dezember 2025 ein größeres Problem nach einer Aktualisierung. Aktuelles TeX Live (mindestens 2025) ist daher Pflicht.

Typst-Backend (PDF/UA-1)

  • Typst fängt fast alle UA-1-Probleme bereits beim Kompilieren ab – es produziert dann gar kein PDF, sondern eine Fehlermeldung. Das ist strenger als LaTeX, aber im Ergebnis verlässlicher.
  • Komplexe Buchformate (etwa das verbreitete orange-book - Theme für Typst) sind noch nicht vollständig konform. Quarto und das Typst-Team arbeiten daran.

Validierung

Quarto integriert automatisch veraPDF als Validator. Wichtig zu wissen:

  • Bei LaTeX fungiert die Validierung als Warnung – das PDF wird trotzdem erzeugt, auch wenn es Konformitätsverstöße gibt.
  • Bei Typst fungiert die Validierung als harte Prüfung – das PDF wird nur erzeugt, wenn die Validierung besteht.
  • Der Validator PAC(Schweizer PDF/UA Foundation) versteht derzeit nur PDF/UA-1, nicht PDF/UA-2. Wer mit LaTeX-Backend und pdf-standard: ua-2 arbeitet, sollte deshalb veraPDF nutzen.

HTML als oft bessere Alternative

Quarto kann nicht nur PDFs erzeugen, sondern auch HTML – und für viele wissenschaftliche Inhalte ist das die deutlich bessere Wahl in Sachen Barrierefreiheit.

  • HTML ist nativ semantisch. Alle Tags, die wir bei PDF mühsam erzeugen müssen, sind in HTML eingebaut.
  • Mathematik wird über MathJax als echtes MathML gerendert – Screenreader wie NVDA (mit MathCAT) lesen das deutlich besser als jede PDF-Mathematik.
  • Interaktive Inhalte(sortierbare Tabellen, eingebettete Plots) sind in HTML problemlos und vergleichbar mit dem statischen PDF-Pendant deutlich nützlicher.
  • Reflow auf verschiedene Bildschirmgrößen ist eingebaut – ein PDF-Layout bricht ab einer bestimmten Vergrößerung.

Pragmatischer Ansatz vieler Hochschulen und Forschungsstellen: HTML als primäre Veröffentlichung, PDF als optionaler Download für Druck und Archiv. Quarto unterstützt beides aus derselben .qmd -Quelldatei mit unterschiedlichen format: -Einträgen im YAML-Header.

Praktische Empfehlung

Für Forschende, Data Scientists und Lehrende, die mit Quarto oder R Markdown arbeiten:

  1. Aktuelle Versionen verwenden: Quarto 1.9 oder neuer, TeX Live 2025 oder neuer.
  2. LuaLaTeX als Engine, besonders wenn Mathematik im Spiel ist.
  3. YAML konsequent ausfüllen: title , author , lang – mindestens diese drei.
  4. Alt-Text für jede Abbildung mit fig-alt .
  5. PDF/UA aktivieren über pdf-standard: ua-2 (LaTeX) oder ua-1 (Typst).
  6. Komplexe Tabellen mit dem gt -Paket(R) oder vergleichbarem statt mit Markdown-Pipes.
  7. Vermeiden: Marginalien-Layouts, exotische Floating-Konstruktionen, Smart-Quotes-Workarounds.
  8. HTML als parallele Ausgabe – das ist oft die zugänglichere Version und kann aus derselben Quelldatei erzeugt werden.
  9. Mit veraPDF validieren, ergänzt durch einen echten Screenreader-Test.

Die Quarto-Pipeline ist inzwischen so weit, dass standardmäßig konformes WCAG-2.1-AA-Niveau erreichbar ist – mit überschaubarem Mehraufwand. Wer ohnehin Markdown-Strukturen sauber nutzt, hat den größten Teil der Arbeit schon getan.