Typst und Barrierefreiheit: Accessibility by Default
Typst ist eine moderne Alternative zu LaTeX – entwickelt in Berlin, seit 2023 öffentlich verfügbar. Mit Version 0.14 (Oktober 2025) ist Typst die erste Satz-Pipeline, die standardmäßig getaggte PDFs produziert. Diese Seite ordnet ein, was das praktisch bedeutet.
Was Typst ist und warum es relevant ist
Typst ist ein Satzsystem für wissenschaftliche und technische Dokumente – entwickelt von einem Berliner Team rund um Laurenz Mädje und Martin Haug, ursprünglich als Forschungsprojekt an der TU Berlin. Seit März 2023 ist es als Open-Source-Software und als Web-App verfügbar.
Typst tritt mit dem expliziten Anspruch an, die Schwächen von LaTeX zu beheben: moderne Syntax, schnelle Kompilierung (oft unter einer Sekunde auch bei längeren Dokumenten), klare Fehlermeldungen, integrierter Paket-Manager. Wer schon einmal versucht hat, einen LaTeX-Fehler zu verstehen, weiß den Unterschied zu schätzen.
Mit Typst 0.14(Oktober 2025) hat das Team Barrierefreiheit zum Hauptthema der Version gemacht – und damit etwas geschafft, das LaTeX jahrelang nicht zustande brachte: Tagged PDFs als Standard-Ausgabe, ohne dass Autor:innen etwas zusätzlich tun müssen.
Was „Accessibility by Default" konkret bedeutet
Typst schreibt seit Version 0.14 standardmäßig Tagged PDFs – jedes neu erzeugte Typst-PDF hat eine grundlegende Tag-Struktur, ohne dass du irgendetwas konfigurierst. Das ist eine fundamentale Designentscheidung, die Typst von praktisch jedem anderen Satzsystem unterscheidet.
Konkret heißt das:
- Ein typisches Typst-Dokument ist von Anfang an für Hilfstechnologie zugänglich – Überschriften, Absätze, Listen, Tabellen sind im PDF getaggt, Lesereihenfolge ist definiert.
- PDF/UA-1 ist opt-in
– wer den vollen Standard erreichen
will, aktiviert
--pdf-standard=pdf/ua-1in der Kommandozeile oder die entsprechende Option im Web-Editor. Typst prüft dann hart und erzeugt nur dann ein PDF, wenn alle Anforderungen erfüllt sind. - PDF/A-Familie komplett unterstützt – PDF/A-1b, 1a, 2b, 2u, 2a, 3b, 3u, 3a, 4, 4f, 4e. Damit ist Typst auch für Archivierungs- Pipelines geeignet.
- PDF/UA-2 ist in Planung – für 2026 angekündigt. Bis dahin ist UA-1 der Standard.
Wer Tagged PDFs gar nicht erzeugen will (etwa für Layouts, die bewusst nur
visuell funktionieren), kann das mit --no-pdf-tags
abschalten –
muss es aber aktiv tun. Die Voreinstellung ist Zugänglichkeit.
Minimalbeispiel mit PDF/UA-1-Export
So sieht ein minimales Typst-Dokument aus, das mit PDF/UA-1-Konformität kompiliert:
// Sprache und Dokumenttitel setzen #set text (lang: "de" ) #set document (title: "Analyse Q1 2026" ) // Sichtbarer Titel im Dokument #title () // Erste Überschrift = <H1>-Tag = Einleitung Dieser Absatz wird automatisch als <P> getaggt. Auch *betonter Text* und **starker Text** werden semantisch korrekt ausgezeichnet. == Methodik Eine Liste: - Erster Punkt - Zweiter Punkt - Dritter Punkt // Abbildung mit Alternativtext (Pflicht für PDF/UA-1) #figure ( image ( "abb-region.png" , alt: "Balkendiagramm: Süd 42%, Nord 28%, West 18%, Ost 12%." ), caption: [Verteilung der Werte nach Region], )
Kompiliert wird das auf der Kommandozeile mit:
typst compile dokument.typ \ --pdf-standard pdf/ua-1
Im Web-Editor wählt man stattdessen im Export-Dialog „PDF/UA-1" aus. Das Ergebnis ist ein PDF, das die PDF/UA-1-Spezifikation erfüllt – inklusive Titel, Sprache, Tag-Tree und Alternativtexten für alle Bilder.
Im Gegensatz zu LaTeX gilt: Wenn der Export gelingt, ist das PDF auch valide. Typst weigert sich, ein nicht-konformes PDF/UA-1-PDF zu erzeugen.
Semantik richtig nutzen
Typst tagged automatisch korrekt – aber nur, wenn die richtigen Befehle verwendet werden. Wer Überschriften manuell als „großer fetter Text" formatiert, bekommt im PDF keinen <H1>-Tag. Wer das Heading-Element verwendet, schon.
Überschriften statt manueller Formatierung
Mit = Überschrift
, == Unterüberschrift
usw.
arbeiten. Das ergibt korrekte <H1>- bis <H6>-Tags im PDF.
Manuell mit #text(size: 16pt, weight: "bold")[Überschrift]
formatieren. Sieht gleich aus, ist aber semantisch nur Fließtext.
Listen statt umbrochener Absätze
Mit - Punkt eins
/ + Punkt eins
echte
Listen schreiben. Das wird zu <L> mit <LI>-Einträgen.
Listenpunkte mit Aufzählungszeichen plus Zeilenumbruch nachbauen – Screenreader sehen das nicht als Liste.
Tabellen statt Layout-Grids
Für Daten #table
mit table.header
verwenden.
Hilfstechnologie kann zweidimensional navigieren.
#grid
für tabellarische Daten. Grids sind semantisch
„nichts" – Screenreader lesen Zelle für Zelle ohne Struktur.
Was Typst automatisch leistet
Bei korrekter Verwendung der semantischen Befehle erledigt Typst eine ganze Reihe von Aufgaben automatisch, für die in LaTeX manuelle Eingriffe nötig wären:
- Tagged PDF von Anfang an – keine extra Konfiguration nötig.
- Lesereihenfolge ergibt sich aus der Markup-Reihenfolge, auch bei verschachtelten Strukturen.
- Headers und Footers werden automatisch als Artefakte markiert – Screenreader ignorieren sie korrekt.
- Automatische Trennungs-Striche am Zeilenende werden ebenfalls als Artefakte markiert.
- Sprache
wird über
#set text(lang: ...)in die PDF-Metadaten und Tags übernommen. - Bibliographie und Referenzen
über die eingebauten
#bibliographyund@label-Mechanismen sind von Haus aus zugänglich. - Color-Blindness-Simulator im Web-Editor (View → Simulate color blindness) zum visuellen Prüfen.
- Harte Validierung beim Export: PDF/UA-1-Konformitäts- verstöße verhindern die PDF-Erzeugung – mit klarer Fehlermeldung statt unauffälligem Warning.
Aktuelle Grenzen
Typst ist eine junge Software. Trotz der beeindruckenden Geschwindigkeit der Entwicklung gibt es noch Lücken, die im Auge zu behalten sind.
PDF/UA-2 noch nicht verfügbar
Aktuell unterstützt Typst nur PDF/UA-1 (basiert auf PDF 1.7). PDF/UA-2 (basiert auf PDF 2.0) ist für 2026 angekündigt, aber noch nicht verfügbar. Wer explizit den neueren Standard braucht, muss derzeit auf LaTeX (mit dem Tagged-PDF-Projekt) ausweichen.
Mathematik mit Pflicht-Alternativtext
Damit eine Formel PDF/UA-1-konform ist, braucht sie aktuell zwingend einen Alternativtext in natürlicher Sprache:
#math.equation ( alt: "a Quadrat plus b Quadrat gleich c Quadrat" , block: true , $ a^2 + b^2 = c^2 $, )
Das ist mühsam, aber technisch nötig – PDF/UA-1 basiert auf PDF 1.7, das keine native Mathematik-Auszeichnung kennt. Mit PDF/UA-2 (PDF 2.0) soll Typst MathML-basierte Mathematik einbinden, vergleichbar mit dem LaTeX-Tagging-Projekt.
Bibliotheken und Templates noch jung
Das Typst-Paket-Ökosystem ist deutlich kleiner als CTAN für LaTeX. Bei sehr
spezifischen Verlagsklassen, exotischen Bibliographie-Stilen oder komplexen
Druck-Vorgaben kann es Lücken geben. Manche Themes (etwa orange-book
) erzeugen aktuell noch nicht voll
PDF/UA-konforme Strukturen – das wird Schritt für Schritt nachgezogen.
Hilfstechnologie und PDF-Reader
Wie bei allen PDFs gilt: Die beste Tag-Struktur nützt nur, wenn Reader und Hilfstechnologie sie auch interpretieren. Das Typst-Team selbst empfiehlt für Tests:
- Auf Windows: Adobe Acrobat mit NVDA
- Auf macOS: Adobe Acrobat mit VoiceOver
- Linux-Unterstützung für PDF-Hilfstechnologie bleibt schwächer als die anderer Plattformen.
PDFs prüfen und mit Hilfstechnologie testen
Auch wenn Typst hart validiert, lohnt sich eine externe Prüfung – schon, um Wechselwirkungen mit dem genutzten PDF-Reader zu erkennen.
veraPDF
Das Typst-Team empfiehlt explizit veraPDF als externen Validator. Wenn Typst ein PDF erfolgreich erzeugt hat, sollte es veraPDF passieren – tut es das nicht, gilt das laut Typst-Team als Bug und sollte gemeldet werden.
PAC (PDF Accessibility Checker)
PAC der Schweizer Access for All Foundation ist Windows-only und prüft gegen PDF/UA-1 (passt also zu Typst). Das Typst-Team weist darauf hin, dass harte PAC-Fehler im PDF/UA-Tab Bugs in Typst sind, während Warnungen manchmal Hinweise auf das eigene Dokument geben.
Screenreader-Test
Validatoren prüfen Strukturen. Den tatsächlichen Lese-Eindruck liefert nur ein echter Test. Für die meisten Anwendungen reicht ein einzelner Screenreader auf der eigenen Plattform – am besten der, der zur Zielgruppe passt.
Praktische Empfehlung
Für wen ist Typst das richtige Werkzeug?
Sehr gut geeignet
- Wissenschaftliche Arbeiten ohne extrem spezifische Verlags-Vorgaben (Bachelor-, Master-, Doktorarbeiten, Konferenz-Papers).
- Technische Berichte und Whitepaper – das, was bei vielen Beratungen und Software-Firmen den Großteil der Dokumente ausmacht.
- Lehrmaterialien – Skripte, Übungsblätter, Klausuren. Schnelle Kompilierung ist hier ein echter Gewinn.
- Behörden- und Bildungs-Dokumente, die das BFSG erfüllen müssen und für die WCAG 2.1 AA reicht.
Weniger geeignet (noch)
- Sehr lange Bücher mit komplexen Vorlagen – die Typst- Buch-Templates sind noch nicht alle PDF/UA-konform.
- Veröffentlichungen bei Verlagen mit etablierten LaTeX-Klassen(Springer, Elsevier, IEEE) – hier ist LaTeX nach wie vor der Standard.
- Dokumente, die explizit PDF/UA-2 brauchen – bis der Support kommt, ist LaTeX die Alternative.
Konkrete Schritte zum Start
- Typst 0.14 oder neuer installieren (lokal via Cargo, Homebrew, Scoop, Chocolatey – oder einfach den Web-Editor auf typst.app nutzen).
- Sprache setzen
mit
#set text(lang: "de"). - Dokumenttitel
mit
#set document(title: "..."). - Bilder immer mit
alt:versehen. - Mathematik mit
alt:inmath.equationversehen. - Beim Export PDF/UA-1 aktivieren: in der CLI mit
--pdf-standard pdf/ua-1, im Web-Editor im Export-Dialog. - Mit veraPDF prüfen und mit einem realen Screenreader gegentesten.
Wer von LaTeX kommt: Die offizielle Typst-Doku hat eine eigene For LaTeX Users -Seite mit Vergleichs-Snippets. Die meisten Konzepte sind direkt übertragbar, die Syntax ist nur anders.
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