Alternativtexte für Bilder in Dokumenten
Ein Bild in einem Word- oder PDF-Dokument ist für einen Screenreader zunächst eine leere Stelle. Der Alternativtext füllt sie. Dieser Artikel zeigt, wann ein Bild einen Alt-Text braucht, wann nicht – und wie ein guter Alt-Text aussieht.
Warum Bilder einen Text brauchen
Ein Alternativtext
– kurz Alt-Text – ist eine
textliche Beschreibung, die ein Bild ersetzt. Wer ein Dokument mit einem
Screenreader liest – einer Software, die Bildschirminhalte vorliest oder
auf einer Braillezeile ausgibt –, bekommt vom Bild selbst nichts mit.
Vorgelesen wird stattdessen der hinterlegte Alt-Text. Fehlt er, bleibt im
besten Fall eine Lücke; im schlechteren liest der Screenreader einen
nichtssagenden Dateinamen wie grafik3.png
vor.
Rechtlich verankert ist das im Erfolgskriterium 1.1.1 „Nicht-Text-Inhalt“ der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) – dem Kriterium mit der Nummer eins, auf der strengsten Konformitätsstufe A. Es verlangt für jeden Nicht-Text-Inhalt eine gleichwertige Textalternative. Für barrierefreie PDFs greift zusätzlich der Standard PDF/UA (ISO 14289), der dieselbe Anforderung für das PDF-Format konkretisiert.
Das klingt nach „jedes Bild braucht einen Text“ – ist aber genau die Verkürzung, die zu schlechten Alt-Texten führt. Entscheidend ist nicht, dass ein Bild da ist, sondern welche Rolle es im Dokument spielt.
Der Entscheidungsbaum: welcher Bildtyp braucht was
Die Web Accessibility Initiative des W3C – die Stelle, die auch die WCAG
herausgibt – stellt dafür einen Entscheidungsbaum
bereit
(englisch „An alt
Decision Tree“, auch auf Deutsch verfügbar).
Er führt mit wenigen Fragen zur richtigen Behandlung. Vereinfacht
unterscheidet er fünf Fälle:
alt
-Entscheidungsbaum der W3C Web Accessibility Initiative.Informierende Bilder
Das Bild transportiert eine Information – ein Foto, das einen Sachverhalt zeigt, eine Illustration, die etwas erklärt. Hier braucht es einen Alt-Text, der die Kernaussage wiedergibt, nicht jedes Detail.
Dekorative Bilder
Das Bild dient nur der Optik – eine Trennlinie, ein stimmungsgebendes Hintergrundmotiv, ein Schmuckelement. Solche Bilder bekommen einen leeren Alt-Text bzw. werden ausdrücklich als dekorativ markiert, damit der Screenreader sie überspringt. Auch Kopf- und Fußzeilen-Grafiken, deren Inhalt ohnehin im Text steht, gehören in diese Gruppe.
Funktionale Bilder
Das Bild ist gleichzeitig ein Bedienelement – ein verlinktes Logo, eine Bild-Schaltfläche. Hier beschreibt der Alt-Text die Funktion oder das Ziel , nicht das Aussehen: also „Zur Startseite“, nicht „Silta-Logo“.
Text im Bild
Zeigt ein Bild geschriebenen Text – etwa ein Zitat als Grafik oder ein gescanntes Logo mit Schriftzug –, gehört dieser Text wörtlich in den Alt-Text. Generell gilt: Text als echten Text zu setzen ist barrierefreier, als ihn in ein Bild zu legen.
Komplexe Grafiken
Diagramme, Charts und Schemata lassen sich nicht in einem Satz fassen. Sie brauchen einen kurzen Alt-Text plus eine ausführliche Langbeschreibung – dazu mehr im Abschnitt weiter unten.
Wie ein guter Alt-Text aussieht
Steht fest, dass ein Bild einen Alt-Text braucht, kommt die eigentliche Arbeit: ihn gut zu formulieren. Die Leitlinie lautet – so knapp wie möglich, so ausführlich wie nötig. Was die Kernaussage eines Bildes ist, hängt vom Kontext ab: Dasselbe Foto eines Gebäudes braucht in einem Architektur-Text einen anderen Alt-Text als in einem Text über den Standort eines Unternehmens.
| Situation | Schwach | Besser |
|---|---|---|
| Foto in einem Bericht über ein Sommerfest | „Bild“ / „IMG_2043“ | „Mitarbeitende beim Sommerfest im Innenhof“ |
| Verlinktes Firmenlogo in der Kopfzeile | „Logo“ | „Zur Startseite“ |
| Diagramm zum Umsatz pro Quartal | „Diagramm mit dem Umsatz“ | „Balkendiagramm: Umsatz steigt von Q1 bis Q4 – Details im Text darunter“ |
| Dekorative Trennlinie zwischen Kapiteln | „Trennlinie-Grafik“ | Leerer Alt-Text – als dekorativ markieren |
Zwei verbreitete Annahmen – und was dahintersteckt
„Jedes Bild braucht einen Alt-Text.“
Nicht ganz. Jedes Bild braucht eine Entscheidung. Rein
dekorative Bilder bekommen bewusst einen leeren Alt-Text und werden als
dekorativ markiert – ein gut gemeinter Alt-Text wie „dekoratives
Element“ erzeugt hier nur Lärm und unterbricht den Lesefluss unnötig.
„Ein Alt-Text beginnt mit ‚Bild von …‘.“
Das ist überflüssig. Screenreader kündigen ein Bild bereits als solches
an, bevor sie den Alt-Text vorlesen. Ein einleitendes „Bild von“ oder
„Grafik:“ wird damit doppelt – die Beschreibung steigt besser direkt in
den Inhalt ein.
Konkret: Alt-Texte in Word und PDF
Die gute Nachricht für die Praxis: In den meisten Fällen pflegst du den Alt-Text einmal in der Quelldatei – und er wandert beim Export ins PDF mit.
In Microsoft Word
Word hat für jedes Bild einen Bereich „Alternativtext“ (erreichbar über das Kontextmenü des Bildes). Dort trägst du den Text ein – oder setzt das Häkchen „Als dekorativ markieren“ für reine Schmuckbilder. Die automatische Alt-Text-Vorschlagsfunktion ist dabei höchstens ein Ausgangspunkt: Sie kennt den Kontext deines Dokuments nicht und sollte immer überschrieben oder zumindest geprüft werden. Beim Export nach PDF übernimmt Word diese Angaben in die PDF-Struktur.
Im PDF
In einem barrierefreien (getaggten) PDF steht der Alt-Text als Eigenschaft
am Bild-Tag – technisch das Attribut /Alt
. Rein dekorative
Bilder werden nicht getaggt, sondern als Artefakt
ausgezeichnet;
dann überspringt der Screenreader sie. Wurde im Word-Dokument sauber
gearbeitet, ist nach dem Export meist nur noch eine Kontrolle nötig: Sind
alle Alt-Texte angekommen? Sind dekorative Bilder wirklich als Artefakt
markiert? Fehlt etwas, lässt es sich in einem PDF-Editor wie Adobe Acrobat
Pro nachtragen.
Wenn Bildbeschreibungen den Lesefluss stören
Bei einzelnen Bildern ist die Frage einfach: braucht es einen Alt-Text oder nicht. In Dokumenten mit vielen Bildern – Broschüren, Veranstaltungs- oder Kursprogrammen, Produktkatalogen, Imagebroschüren – summiert sich aber etwas anderes auf: Aus zehn gut gemeinten Alt-Texten wird beim Vorlesen ein Block, der die Orientierung im Dokument zerstört. Der Screenreader liest jede Beschreibung mitten zwischen den eigentlichen Inhalten vor, und genau die Information, auf die es ankommt – ein Datum, ein Preis, ein Ort – versinkt zwischen sich wiederholenden Bildbeschreibungen.
Das ist ein dokument-spezifisches Problem. Im Web liegen Bilder einzeln und sind durch Abstände voneinander getrennt. In einem PDF folgen oft sechs, acht oder zwölf vergleichbare Fotos direkt aufeinander – Atmosphäre-Bilder zu jedem Kursangebot, Produktfotos zu jedem Eintrag im Katalog. Hier ist weglassen mindestens so wichtig wie beschreiben.
Akrobatik
Akrobatik als Sport und Kunstform ohne Gerät und Hilfsmittel wurde in vielen Kulturen unabhängig voneinander entwickelt.
Grafik: Vier Personen sitzen auf einer Bank in einer Turnhalle. Sie machen eine Pause, trinken Wasser und lächeln in die Kamera.
Zeit: Di, 18:30–20:00
Ort: RÖSP 4
Grafik: Die Turnhalle ist von außen mit Blick auf den Rhein fotografiert. Der flache Betonbau ist von Bäumen umgeben.
Zeitraum: 15.08.–26.09.
Preis: 130,00 €
Akrobatik
Akrobatik als Sport und Kunstform ohne Gerät und Hilfsmittel wurde in vielen Kulturen unabhängig voneinander entwickelt.
Zeit: Di, 18:30–20:00
Ort: RÖSP 4
Zeitraum: 15.08.–26.09.
Preis: 130,00 €
Beide Spalten zeigen denselben Kurs-Eintrag. Links: jedes Foto bekommt seinen ausführlichen Alt-Text, und genau das Wichtige – Zeit, Ort, Preis – steht zwischen Beschreibungen, die im Kontext der Broschüre keine Rolle spielen. Rechts: die Atmosphäre-Bilder sind als dekorativ markiert, der Inhalt bleibt zusammen.
Strategien für Dokumente mit vielen Fotos
Für Broschüren, Kataloge und Programme bewährt sich ein gestufter Ansatz:
- Atmosphäre- und Stimmungsbilder als dekorativ markieren. Wenn ein Foto den Text nur visuell rahmt – Sportler:innen lachen in die Kamera, ein Innenhof bei Sonnenschein – trägt es selten zur eigentlichen Information bei. Konsequent als dekorativ markieren spart Lärm beim Vorlesen.
- Repräsentativ statt vollständig beschreiben. Wenn ein Dokument zehn ähnliche Produktfotos enthält, reicht oft ein Alt-Text für das erste Bild – die übrigen werden als dekorativ markiert oder bekommen eine sehr knappe Variante („Foto: ein weiteres Modell der Stuhlreihe").
- Bildunterschriften ersetzen oft den Alt-Text. Wenn unter dem Bild ohnehin eine Caption steht – etwa „Hängebrücke über dem Tal, Blick nach Süden" – ist diese Information für alle sichtbar. Der Alt-Text bleibt dann leer, sonst hören Screenreader-Nutzer:innen die Beschreibung doppelt.
- Hintergrund-, Trenn- und Layout-Bilder konsequent leer. Farbflächen, Trennlinien, Aufmacher-Hintergründe – nichts davon braucht einen Alt-Text. Bei Designer:innen-PDFs sind das oft die zahlreichsten Bilder; ein systematischer Durchgang lohnt sich.
- Ausführliche Beschreibungen in einen Anhang verlagern. Wenn einzelne Bilder doch tiefer beschrieben werden müssen – Karten, Pläne, Diagramme – gehört die Langbeschreibung in einen separaten Abschnitt am Ende des Dokuments. Im Bild selbst steht dann ein kurzer Alt-Text plus Verweis: „Karte des Ausstellungsgeländes – ausführliche Beschreibung im Anhang".
- Sammel-Alternative für ganze Bildstrecken. Eine Foto-Strecke mit acht Eindrücken vom Sommerfest braucht keine acht Beschreibungen. Eine einzige Bild-Gruppe mit dem Alt-Text „Acht Fotos vom Sommerfest 2025: Mitarbeitende beim Buffet, im Innenhof und an den Spieltischen" trifft die Aussage besser.
Die Faustregel für Dokumente mit vielen Bildern: Mehr ist nicht mehr. Ein konsequent durchgehaltener „nur, wenn es wirklich Information trägt"-Ansatz schützt den Lesefluss – und sorgt dafür, dass die wenigen Alt-Texte, die bleiben, auch wirklich ankommen.
Komplexe Grafiken: wenn ein Satz nicht reicht
Ein Diagramm, ein Organigramm, eine technische Zeichnung – solche Grafiken tragen mehr Information, als in einen kurzen Alt-Text passt. Sie mit Gewalt in einen Satz zu pressen, hilft niemandem. Der bessere Weg ist zweistufig:
- Kurzer Alt-Text als Einordnung: was die Grafik ist und worauf sie hinauswill – etwa „Balkendiagramm zum Umsatz, Erläuterung folgt im Text“.
- Ausführliche Langbeschreibung an einer Stelle, die alle lesen können: idealerweise direkt im Fließtext des Dokuments. Damit profitieren auch sehende Leser:innen, und die Datenlage bleibt nachvollziehbar.
Bei reinen Datendarstellungen ist oft eine Tabelle die ehrlichere Lösung als ein Diagramm mit Langbeschreibung: Sie ist für alle direkt lesbar und braucht keine separate Textalternative. Wann eine Tabelle besser ist als ein Chart, ist ein Thema für sich – die Faustregel: Geht es um exakte Werte, gewinnt die Tabelle.
Was du konkret tun kannst
- Vor dem Schreiben den Bildtyp klären. Informierend, dekorativ, funktional, Text-im-Bild oder komplex – der Entscheidungsbaum führt schnell zum richtigen Fall.
- Dekoratives bewusst leer lassen. Ein leerer Alt-Text ist hier die richtige Lösung, kein vergessener.
- Kontextbezogen formulieren. Der gleiche Bildinhalt braucht je nach Dokument einen anderen Alt-Text.
- Auf „Bild von“ verzichten. Der Screenreader kündigt das Bild schon an – direkt in die Beschreibung einsteigen.
- In der Quelldatei pflegen. Alt-Texte ins Word-Dokument eintragen, dann ins PDF exportieren – und nach dem Export einmal prüfen.
- Komplexe Grafiken zweistufig behandeln. Kurzer Alt-Text plus Langbeschreibung im Fließtext – oder gleich eine Tabelle.
Gute Alt-Texte sind keine Fleißaufgabe, die man nach dem Schreiben abarbeitet. Sie entstehen am besten beim Einfügen des Bildes – wenn die Frage „Warum ist dieses Bild hier?“ ohnehin noch frisch ist.
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