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Blitzende Inhalte und Anfälle: das Drei-Blitze-Kriterium

Ein Stroboskop-Effekt im Hintergrundvideo, eine wild blinkende Animation, ein Spiel mit Mündungsfeuer: Was auffällig wirkt, kann für manche Menschen gefährlich sein. Schnelles Blitzen kann epileptische Anfälle, Migräne oder Übelkeit auslösen. Das Erfolgskriterium 2.3.1 „Dreimaliges Blitzen oder unterhalb der Grenzwerte"(Stufe A) setzt deshalb eine klare Grenze. Diese Seite erklärt, was genau verboten ist, wo die Schwellenwerte liegen und wie du sicher bleibst.

  • 9 Minuten Lesezeit
  • Stand: Juni 2026

Worin das Problem liegt

Etwa drei von hundert Menschen mit Epilepsie haben eine photosensitive Form: Bei ihnen können bestimmte visuelle Reize einen Anfall auslösen. Der gefährlichste Reiz ist schnelles, helles Blitzen in einem mittleren Frequenzbereich, besonders wenn es eine größere Fläche einnimmt und gesättigtes Rot enthält. Betroffen sind nicht nur Menschen mit einer bekannten Diagnose: Ein Anfall kann der erste sein, den jemand überhaupt erlebt.

Auch ohne Anfall verursacht flackernder Inhalt bei vielen Menschen Migräne, Schwindel oder Übelkeit. Das Kriterium 2.3.1 schützt also eine breite Gruppe. Und es hat eine Besonderheit: Es ist über die Nicht-Beeinträchtigung (Conformance Requirement 5) mit der ganzen Seite verbunden. Heißt: Schon ein einziges gefährlich blitzendes Element macht die gesamte Seite unzugänglich, weil es Menschen daran hindern kann, irgendetwas anderes auf der Seite zu nutzen. Anders als „Bild ohne Alternativtext" ist das kein lokaler, sondern ein seitenweiter Mangel.

Wann Blitzen erlaubt ist und wann nicht Entscheidungs-Schaubild in drei Feldern. Erstes Feld: Inhalt blitzt höchstens dreimal pro Sekunde, das ist sicher. Zweites Feld: Inhalt blitzt öfter, ist aber sehr klein oder kein gesättigtes Rot, das ist ebenfalls erlaubt, weil es unter den Grenzwerten liegt. Drittes Feld: Inhalt blitzt öfter als dreimal pro Sekunde auf großer Fläche oder mit Rotanteil, das ist nicht erlaubt. Die Grundregel: höchstens drei Blitze pro Sekunde Bis 3 Blitze / Sekunde langsam genug ✓ sicher Öfter, aber winzig kleine Fläche, kein sattes Rot ✓ unter Grenzwert Öfter und groß / rot BLITZ große Fläche oder gesättigtes Rot ✗ nicht erlaubt
Schaubild: Sicher ist Inhalt, der höchstens dreimal pro Sekunde blitzt. Schnelleres Blitzen ist nur erlaubt, wenn die Fläche sehr klein ist und kein gesättigtes Rot vorkommt. Großflächiges oder rotes Blitzen über drei Mal pro Sekunde ist nicht zulässig.

Was das Kriterium verlangt

Der Kerntext ist kurz: Webseiten enthalten nichts, was mehr als dreimal in einer beliebigen Sekunde blitzt, oder das Blitzen liegt unterhalb der Grenzwerte für allgemeines Blitzen und Rotblitzen. Es gibt also zwei Wege, das Kriterium zu erfüllen, du brauchst nur einen davon:

Zwei Wege, 2.3.1 zu bestehen
Weg Bedingung Praktische Bedeutung
Langsam genug Nichts blitzt mehr als dreimal in einer beliebigen Sekunde. Der einfachste und sicherste Weg. Wer Blitze auf maximal drei pro Sekunde begrenzt, ist auf der sicheren Seite, ganz ohne Messung.
Unter dem Grenzwert Das Blitzen bleibt unter den Grenzwerten für allgemeines Blitzen und Rotblitzen, etwa weil die Fläche klein genug ist. Erlaubt schnelleres Blitzen, verlangt aber eine genaue Prüfung von Fläche, Helligkeit und Rotanteil, meist mit einem Werkzeug.

Wichtig ist die Formulierung „in einer beliebigen Sekunde": Es genügt nicht, im Schnitt unter drei Blitzen zu bleiben. Jedes mögliche Ein-Sekunden-Fenster muss die Bedingung erfüllen. Und das Kriterium meint Inhalt, den du als Autor:in steuerst, also Videos, Animationen oder Grafiken, nicht das Flackern, das ein defekter Monitor erzeugt.

Die Schwellenwerte verständlich

Wenn du den zweiten Weg gehst, kommen drei Begriffe ins Spiel. Sie klingen technisch, lassen sich aber klar zusammenfassen. Ein Blitz ist dabei definiert als ein Paar gegenläufiger Helligkeitsänderungen, also hell zu dunkel und wieder zurück (oder umgekehrt).

Die drei Grenzwerte auf einen Blick
Begriff Was gemessen wird Grenze
Allgemeiner Blitz Ein Paar gegenläufiger Änderungen der relativen Leuchtdichte, bei dem das dunklere Bild unter 0,80 liegt. Änderung von 10 % oder mehr der maximalen Leuchtdichte gilt als allgemeiner Blitz.
Rotblitz Ein Wechsel, der ein gesättigtes Rot betrifft. Auf rotes Flackern reagieren Betroffene besonders empfindlich. Jeder Übergang mit gesättigtem Rot zählt. WCAG 2.2 hat die Mess-Definition dafür präzisiert.
Fläche Wie groß der gleichzeitig blitzende Bereich im zentralen Sichtfeld ist. Bleibt die kombinierte Fläche klein (Richtwert: ein Block von 341 × 256 CSS-Pixeln, rund 25 % eines 10-Grad-Sichtfelds), gilt das Blitzen als unkritisch.

Die kurze Übersetzung: Ein kleiner, blasser Blitz ist auch bei höherer Frequenz tolerierbar, ein großflächiger, heller oder roter Blitz dagegen nicht. Wer ganz sichergehen will, ignoriert die Flächenrechnung und bleibt einfach bei höchstens drei Blitzen pro Sekunde. Dann braucht es keine Messung.

Blinken oder Blitzen: der feine Unterschied

Zwei ähnliche Begriffe werden oft verwechselt, meinen aber Unterschiedliches und gehören zu verschiedenen Kriterien:

Blinken gegen Blitzen
Aspekt Blinken Blitzen
Problem Lenkt ab und stört die Konzentration. Kann einen epileptischen Anfall auslösen.
Tempo Meist langsamer als dreimal pro Sekunde. Gefährlich ab mehr als dreimal pro Sekunde.
Geregelt in 2.2.2 „Pausieren, Stoppen, Ausblenden": Blinkendes muss sich stoppen lassen. 2.3.1 „Dreimaliges Blitzen": Schnelles Blitzen ist gar nicht erst erlaubt.
Abschalten als Lösung? Ja, ein Stopp-Knopf reicht. Nein. Ein Anfall kann schneller kommen, als sich etwas abschalten lässt. Gefährliches Blitzen muss von vornherein vermieden werden.

Wenn Blinken allerdings schneller wird als dreimal pro Sekunde, gilt es ebenfalls als Blitzen und fällt damit zusätzlich unter 2.3.1.

In der Praxis umsetzen und testen

Das W3C nennt drei ausreichende Techniken. Sie entsprechen genau den beiden Wegen von oben, plus dem Einsatz eines Mess-Werkzeugs:

Für die Messung verweist das W3C auf frei verfügbare und kommerzielle Werkzeuge, etwa das PEAT(Photosensitive Epilepsy Analysis Tool) des Trace Centers, das kostenlos ist, sowie auf den kommerziellen Harding-Test, der auch im Fernsehen eingesetzt wird. Wer kein Werkzeug nutzen will, hat mit der Drei-Blitze-Regel eine verlässliche, prüfbare Grenze ganz ohne Messung.

Strenger: die AAA-Stufe 2.3.2

Über 2.3.1 hinaus gibt es ein verwandtes Kriterium auf der höchsten Stufe: 2.3.2 „Dreimaliges Blitzen" (Stufe AAA). Es streicht die Ausnahme für kleine Flächen ersatzlos. Auf AAA-Niveau darf also überhaupt nichts öfter als dreimal pro Sekunde blitzen, egal wie klein oder blass. Für Angebote, die bewusst ein besonders hohes Schutzniveau anstreben, etwa im Gesundheits- oder Bildungsbereich, ist das die sichere Messlatte.

Ein Mythos

Mythos

„Ein kurzer Warnhinweis vor dem Video reicht doch aus."

Ein Hinweis wie „Achtung, Blitzlichteffekte" ist eine nette Geste und hilft Menschen, die ihre Empfindlichkeit kennen. Er ersetzt aber nicht die Erfüllung von 2.3.1. Das Kriterium verlangt, dass der Inhalt selbst sicher ist, nicht dass man davor warnt. Ein Anfall kann ausgelöst werden, bevor jemand die Warnung gelesen oder reagiert hat, und über die Nicht-Beeinträchtigung macht ein einziger gefährlicher Blitz die ganze Seite nicht konform. Der Warnhinweis ist ein Zusatz, kein Ersatz.

Auf einen Blick

Wenn dein Angebot Video, Animation oder bewegte Grafik enthält, geh diese Punkte durch:

Damit deckst du die wichtigsten Risiken ab. Die genauen Mess-Formeln und Hintergründe zu Leuchtdichte und Rotanteil stehen im Begleitdokument des W3C, das auch die verwendeten Werkzeuge verlinkt.