Design · Responsives Layout

Reflow und responsives Layout

Wer Text stark vergrößert oder eine Seite auf einem schmalen Bildschirm öffnet, soll trotzdem alles lesen können, ohne gleichzeitig nach links und rechts und nach oben und unten scrollen zu müssen. Genau das verlangt das WCAG-Kriterium 1.4.10 Reflow. Diese Seite zeigt, was die 320-Pixel-Regel bedeutet, wo es berechtigte Ausnahmen gibt und wie du Reflow mit ein paar CSS-Grundregeln zuverlässig erreichst.

  • 9 Minuten Lesezeit
  • Stand: Juni 2026

Warum Reflow wichtig ist

Stell dir vor, du hast eine leichte Sehbehinderung und vergrößerst den Inhalt einer Website so weit, bis du ihn bequem lesen kannst, sagen wir auf das Vierfache. Wenn die Seite darauf nicht vorbereitet ist, passiert oft etwas Mühsames: Die Zeilen werden nicht umgebrochen, sondern laufen breit aus dem Bild heraus. Du musst jetzt für jede einzelne Zeile waagerecht hin- und herscrollen, um sie zu Ende zu lesen. Das nennt man Scrollen in zwei Dimensionen, und es macht längere Texte praktisch unlesbar.

Reflow(deutsch etwa „Neuumbruch") ist die Antwort darauf: Inhalte sollen sich beim Vergrößern oder auf schmalen Bildschirmen umbrechen und in einer einzigen Spalte untereinander anordnen, sodass nur noch in eine Richtung gescrollt werden muss, nämlich nach unten. Davon profitieren nicht nur Menschen mit Sehbehinderung, sondern alle, die kleine Displays, geteilte Fenster oder einen starken Browser-Zoom nutzen.

Ohne Reflow muss in zwei Richtungen gescrollt werden, mit Reflow nur nach unten Zwei stark vergrößerte Seitenausschnitte im Vergleich. Links, beschriftet „Ohne Reflow", ragen die Textzeilen über den rechten Rand des Bildschirms hinaus; Pfeile nach rechts und nach unten zeigen an, dass in zwei Richtungen gescrollt werden muss. Rechts, beschriftet „Mit Reflow", sind dieselben Inhalte in einer schmalen Spalte umgebrochen und passen vollständig in die Breite; nur ein Pfeil nach unten zeigt an, dass ausschließlich vertikal gescrollt wird. STARK VERGRÖSSERTE SEITE: IN WIE VIELE RICHTUNGEN MUSS MAN SCROLLEN? OHNE REFLOW scrollt seitlich raus MIT REFLOW nur nach unten
Links laufen die Zeilen aus dem Bild, man muss seitlich und nach unten scrollen. Rechts brechen dieselben Inhalte in einer Spalte um; es bleibt beim Scrollen nach unten.

Was 1.4.10 genau verlangt

Das Erfolgskriterium 1.4.10 Reflow gehört zur Konformitätsstufe AA, also genau der Stufe, die BFSG und BITV in der Praxis verlangen. Es kam mit WCAG 2.1 neu hinzu und gilt unverändert in 2.2. Ein Erfolgskriterium ist dabei eine einzeln prüfbare Anforderung der Web Content Accessibility Guidelines.

Die Regel verlangt, dass Inhalte ohne Informationsverlust und ohne Scrollen in zwei Dimensionen dargestellt werden können:

  • bei vertikal scrollendem Inhalt (der Normalfall) bis zu einer Breite von 320 CSS-Pixel,
  • bei horizontal scrollendem Inhalt (z. B. bei senkrechter Schrift) bis zu einer Höhe von 256 CSS-Pixel.

Diese 320 Pixel sind kein zufälliger Wert: Sie entsprechen einem üblichen Browserfenster von 1280 Pixel Breite, das auf 400 % vergrößert wird. Ein CSS-Pixel ist dabei die Maßeinheit, mit der das Layout rechnet. Sie bleibt beim Zoomen gleich, während der Inhalt optisch größer wird. Wer also seine Seite bei 1280 Pixel Fensterbreite auf 400 % zoomt und alles ohne seitliches Scrollen lesen kann, erfüllt das Kriterium in der Regel.

Reflow 1.4.10 auf einen Blick
Aspekt Vertikaler Inhalt (Normalfall) Horizontaler Inhalt (Sonderfall)
Grenzmaß 320 CSS-Pixel Breite 256 CSS-Pixel Höhe
Entspricht Zoom 1280 px Fenster bei 400 % 1024 px Fenster bei 400 %
Erlaubtes Scrollen nur nach unten nur zur Seite
Level AA (neu in WCAG 2.1) AA (neu in WCAG 2.1)

Die Ausnahme für zweidimensionale Inhalte

Manche Inhalte verlieren ihren Sinn, wenn man sie in eine schmale Spalte presst. Deshalb nimmt 1.4.10 ausdrücklich Teile aus, die für ihre Nutzung oder Bedeutung eine zweidimensionale Anordnung brauchen. Für solche Teile darf weiterhin in beide Richtungen gescrollt werden.

Dazu zählen laut WCAG zum Beispiel:

Inhalte, die von der Reflow-Pflicht ausgenommen sind Eine Übersicht mit fünf gerahmten Kacheln nebeneinander, jede mit einem einfachen Symbol und einer Beschriftung: Datentabellen, dargestellt durch ein Raster; Karten und Pläne, dargestellt durch eine stilisierte Landkarte mit Markierung; Diagramme und Bilder, die zum Verständnis nötig sind, dargestellt durch ein Balkendiagramm; Video und Spiele, dargestellt durch ein Abspiel-Dreieck; und Werkzeugleisten, die beim Bearbeiten sichtbar bleiben müssen, dargestellt durch eine Reihe kleiner Knöpfe. Eine Bildunterschrift erklärt, dass für diese Teile zweidimensionales Scrollen erlaubt bleibt. AUSGENOMMEN: HIER BLEIBT 2D-SCROLLEN ERLAUBT Datentabellen Karten & Pläne Diagramme Video & Spiele Werkzeugleisten Ausgenommen ist nur der Teil selbst: die ganze Tabelle, nicht jede einzelne Zelle.
Fünf typische Ausnahmen: Datentabellen, Karten, zum Verständnis nötige Diagramme und Bilder, Video und Spiele sowie Werkzeugleisten, die beim Bearbeiten sichtbar bleiben müssen.

Wichtig ist das Wort Teil : Ausgenommen ist nur der konkrete zweidimensionale Inhalt selbst, etwa die gesamte Datentabelle, nicht jede einzelne Zelle. Der Text drumherum, die Überschriften, die Bedienelemente müssen weiterhin umbrechen. Die Ausnahme ist also kein Freibrief, eine ganze Seite vom Reflow auszunehmen.

Reflow technisch umsetzen

Die gute Nachricht: Wer modernes, responsives CSS schreibt, erfüllt Reflow fast nebenbei. Drei Bausteine tragen den größten Teil:

  • Relative statt fester Breiten. Container in Prozent, max-width oder flexiblen Einheiten statt in festen Pixelwerten. Ein width: 900px kann auf 320 Pixel nicht umbrechen.
  • Flexible Layouts mit Flexbox oder Grid. Spalten, die per flex-wrap oder auto-fit untereinander rutschen, sobald der Platz knapp wird.
  • Media Queries als Feinschliff. An definierten Breakpoints (Umbruchpunkten) wird ein Mehrspalter zur Einspalte.

layout.css: Spalten, die von selbst umbrechen

 /* Die Spalten ordnen sich automatisch um, sobald */ 
 /* eine Mindestbreite unterschritten wird.        */.karten {
  display: grid 
;
  grid-template-columns: repeat 
(auto-fit, minmax(220px, 1fr));
  gap: 20px 
;
} /* Spätestens auf schmalen Breiten: garantiert eine Spalte */ 
@media (max-width: 600px 
) {
  .karten { grid-template-columns: 1fr 
; }
}

Eine zweite, oft übersehene Voraussetzung steckt im Kopf des Dokuments: Das Viewport-Meta-Tag darf das Zoomen nicht verbieten. Ein user-scalable=no oder ein fest gesetztes maximum-scale=1 sperrt die Vergrößerung, und damit fällt Reflow gleich mit. Richtig ist die schlichte Variante:

im <head>: Zoom nicht aussperren

 <!-- gut: erlaubt Vergrößern und Umbrechen --> 
<meta name= "viewport" 
content= "width=device-width, initial-scale=1" 
>

Die häufigsten Stolperfallen

Die meisten Reflow-Verstöße entstehen nicht aus Absicht, sondern aus einzelnen Elementen, die sich dem Umbruch widersetzen. Diese drei tauchen besonders oft auf:

  • Feste Pixelbreiten. Ein Banner, eine Tabelle oder ein <div> mit width: 980px sprengt jede schmale Ansicht.
  • Lange, nicht umbrechbare Zeichenketten. Sehr lange URLs, Code-Schnipsel oder Hashtags ohne Leerzeichen schieben das Layout auf. Hier hilft overflow-wrap: break-word . Die zugehörige WCAG-Technik C33 beschreibt genau diesen Fall.
  • Erzwungenes horizontales Scrollen. Container mit white-space: nowrap oder einer festen Mindestbreite, die das Umbrechen aktiv unterbinden.
Eine lange Zeichenkette ohne Umbruch sprengt die schmale Spalte Zwei schmale Spalten im Vergleich. Links, beschriftet „Verstoß", ragt eine sehr lange Internetadresse über den rechten Rand der Spalte hinaus und erzeugt seitliches Scrollen; ein rotes Kreuz markiert das. Rechts, beschriftet „Korrekt mit break-word", ist dieselbe Adresse über mehrere Zeilen umgebrochen und bleibt vollständig in der Spalte; ein grünes Häkchen markiert das. LANGE ZEICHENKETTEN: UMBRECHEN STATT ÜBERLAUFEN VERSTOSS example.com/sehr/ langer-pfad-ohne-umbruch-der-rausragt KORREKT: break-word example.com/sehr/ langer-pfad-ohne- umbruch-der- umbricht
Links sprengt eine lange Adresse die schmale Spalte und erzwingt seitliches Scrollen. Rechts sorgt overflow-wrap: break-word dafür, dass sie umbricht (WCAG-Technik C33).

Reflow, Textvergrößerung und responsives Design

Reflow wird leicht mit zwei verwandten Themen verwechselt. Die Abgrenzung hilft, beim Testen das Richtige zu prüfen.

Das eng verwandte Kriterium 1.4.4 Text vergrößern(ebenfalls AA) verlangt, dass sich Text bis 200 % vergrößern lässt, ohne dass Inhalt oder Funktion verloren gehen. 1.4.10 geht weiter: Es betrifft die gesamte Darstellung bei 400 % und schließt das zweidimensionale Scrollen aus. Und responsives Design schließlich ist keine Vorschrift, sondern die gängige Methode , mit der man beide Kriterien erfüllt: der Weg, nicht das Ziel.

Drei oft verwechselte Begriffe
Begriff Was gemeint ist Status
1.4.10 Reflow Kein 2D-Scrollen bis 320 CSS-Pixel bzw. 400 % Zoom. WCAG-Erfolgskriterium, AA
1.4.4 Text vergrößern Text bis 200 % vergrößerbar ohne Verlust. WCAG-Erfolgskriterium, AA
Responsives Design Technik, mit der sich Layouts an die Größe anpassen. Methode, keine Norm

Praxis-Checkliste

  1. Bricht der Inhalt bei 320 CSS-Pixel Breite in eine Spalte um?
  2. Lässt sich die Seite bei 1280 px Fenster auf 400 % zoomen, ohne dass Text seitlich herausläuft?
  3. Erlaubt das Viewport-Meta-Tag das Zoomen (kein user-scalable=no )?
  4. Gibt es feste Pixelbreiten, die das Umbrechen verhindern?
  5. Brechen lange URLs und Zeichenketten per overflow-wrap um?
  6. Ist 2D-Scrollen nur dort übrig, wo es erlaubt ist (Tabellen, Karten, Diagramme)?
  7. Bleibt bei umgebrochenem Layout alle Information und Funktion erhalten?
  8. Wurde mit echtem Browser-Zoom getestet, nicht nur durch Fenster-Verkleinern?

Mythen-Prüfung