Onlinemeetings · Praxisbeispiel

INKLUSIVA Call: barrierefreie Onlinemeetings, von Anfang an mitgedacht

Ein Onlinemeeting ist schnell aufgesetzt: Link verschicken, Kamera an, los geht es. Ob aber alle Eingeladenen gleichermaßen folgen, mitreden und mitdenken können, entscheidet auch das Werkzeug. Diese Seite stellt mit INKLUSIVA Call eine Videokonferenz-Software vor, die gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen entstanden ist, und zeigt an ihrem Beispiel, was ein Onlinemeeting wirklich inklusiv macht. Von hier aus geht es weiter zu den Detail-Themen Untertitel und Tipps für Vortragende.

  • 10 Minuten Lesezeit
  • Stand: Juni 2026

Worum es geht: fünf Wege, ein Meeting zu erleben

Inklusiv heißt: Niemand wird unabsichtlich ausgeschlossen. Das W3C, die Organisation hinter den Web-Standards, bringt es in seiner Checkliste für barrierefreie Veranstaltungen auf einen einfachen Punkt: Geh davon aus, dass Menschen in deinem Publikum vielleicht nicht alles gleich gut wahrnehmen können. Manche sehen nicht oder nicht gut, manche hören nicht oder nicht gut, manche können sich nur eingeschränkt bewegen oder sprechen, und manche verstehen bestimmte Darstellungsformen schwerer als andere.

Das Schöne daran: Fast alles, was ein Meeting für diese Menschen öffnet, hilft auch allen anderen. Untertitel helfen ebenso bei Lärm im Hintergrund oder einer ungewohnten Sprache. Klar beschriebene Folien helfen auch denen, die gerade nur zuhören. Ein gutes Mikrofon macht den Call für alle angenehmer. Genau dieser Gedanke steckt auch in INKLUSIVA Call, dem Werkzeug, das auf dieser Seite im Mittelpunkt steht.

Fünf Wahrnehmungswege, die ein inklusives Meeting mitdenkt Wissens-Karte mit fünf Feldern nebeneinander. Erstens Sehen: nicht alle sehen die Folien oder Gesichter, deshalb Visuelles laut beschreiben. Zweitens Hören: nicht alle hören die Sprache, deshalb Untertitel und gutes Audio. Drittens Bewegen: nicht alle bedienen Maus oder Touch schnell, deshalb Zeit lassen und Alternativen bieten. Viertens Sprechen: nicht alle reden frei, deshalb auch Chat und schriftliche Wege zulassen. Fünftens Verstehen: nicht alle folgen Fachjargon, deshalb einfache Sprache und Pausen. Fünf Wege, ein Meeting zu erleben Sehen Visuelles laut beschreiben Hören Untertitel und gutes Audio Bewegen Zeit lassen, Alternativen Sprechen Chat als zweiter Weg ? Verstehen Einfach reden, Pausen geben
Wissens-Karte: Ein inklusives Meeting denkt fünf Wahrnehmungswege mit. Was einem Weg hilft, nützt fast immer auch allen anderen.

INKLUSIVA Call: aus der Selbsthilfe heraus entstanden

Vieles, was ein inklusives Meeting ausmacht, liegt in deiner Hand. Manches aber entscheidet das Werkzeug. INKLUSIVA Call ist eine Videokonferenz-Software, die genau aus diesem Bedarf heraus entstand. Träger des Projekts ist die LAG Selbsthilfe Rheinland-Pfalz, ein gemeinnütziger Dachverband, in dem sich nach eigenen Angaben rund 58 Selbsthilfe-Vereinigungen mit etwa 80.000 Mitgliedern zusammengeschlossen haben. Gefördert wird das Projekt von der Aktion Mensch, die technische Umsetzung übernimmt die Mainzer Software-Agentur Viermorgen.

Der Anstoß kam aus der Praxis. In der Pandemie wurden Videokonferenzen auch für Selbsthilfe-Gruppen unverzichtbar, gerade dort, wo sensible und persönliche Themen besprochen werden. Den Projektträgern fehlte ein Werkzeug, das zugleich barrierefrei und datensparsam ist. Ende 2021 beantragten sie deshalb die Entwicklung einer barrierefreien Video-Call-Software, im Mai 2022 startete das Projekt. So wurde aus einem konkreten Mangel ein eigenes Werkzeug.

Der Entstehungsweg von INKLUSIVA Call in vier Schritten Zeitleiste mit vier Stationen von links nach rechts. Erstens Ende 2021: In der Pandemie fehlt ein Werkzeug, das barrierefrei und datensparsam zugleich ist, ein Förderantrag entsteht. Zweitens Mai 2022: Projektstart, Fokus-Gruppen aus Menschen mit Eigenbetroffenheit werden aufgebaut. Drittens Entwicklung: Anforderungen werden gemeinsam erarbeitet und das Tool vorab getestet. Viertens laufend: Auf Basis des Feedbacks entsteht eine Version 2, die Weiterentwicklung geht weiter. Ende 2021 Bedarf erkannt, Antrag gestellt Mai 2022 Projektstart, Fokus-Gruppen Entwicklung gemeinsam gebaut und getestet laufend Version 2, Feedback fließt ein
Zeitleiste: INKLUSIVA Call entstand aus einem praktischen Bedarf und wird seither gemeinsam mit den Nutzenden weiterentwickelt.

Mit Betroffenen entwickelt, nicht nur für sie

Das eigentlich Besondere an INKLUSIVA Call ist weniger eine einzelne Funktion als der Weg dorthin. Barrierefreiheit wurde hier nicht am Ende geprüft, sondern von Anfang an gemeinsam mit den Menschen gestaltet, die sie brauchen. Im Zentrum des Projekts stehen nach eigenen Angaben Fokus-Gruppen aus Menschen mit Eigenbetroffenheit, die das Projekt als Expert:innen in eigener Sache inhaltlich begleiten: Sie erarbeiten die Anforderungen mit und testen die Anwendung vorab.

Bewusst breit ist dabei das Spektrum der einbezogenen Perspektiven. Mit dabei sind unter anderem Menschen aus dem Autismus-Spektrum, blinde Menschen und Menschen mit Seheinschränkungen, gehörlose Menschen und Menschen mit Höreinschränkungen sowie Menschen mit Lernschwierigkeiten. Wer so unterschiedliche Bedürfnisse an einen Tisch holt, entwirft kein Werkzeug für einen Durchschnitt, sondern eines, das mit Vielfalt rechnet.

Und der Prozess ist nicht abgeschlossen. Auf Basis des Feedbacks der Nutzenden entsteht eine weiterentwickelte Version, begleitet von mehreren Fokusgruppen-Treffen über einen längeren Zeitraum. Genau dieses mit, nicht nur für ist der Grund, warum eine Seite über gute Onlinemeetings ausgerechnet dieses Werkzeug ins Zentrum stellt.

Was INKLUSIVA Call im Meeting kann

Aus diesem Weg sind nach eigenen Angaben Funktionen entstanden, die man in vielen Standard-Werkzeugen so nicht findet. Herzstück ist ein Assistent für Barrierefreiheit: ein kurzes Formular, in dem du schon vor dem Beitritt einstellst, was du brauchst. Diese Einstellungen lassen sich während des Meetings jederzeit ändern, im Browser oder als Datei speichern und beim nächsten Mal wieder laden. Wer den Assistenten überspringt, startet mit sinnvollen Standard-Einstellungen.

Wissens-Karte: Funktionen von INKLUSIVA Call (nach eigenen Angaben)
Funktion Was sie ermöglicht
Einstellungen für Sehen und Hören Video-Kacheln lassen sich verdunkeln oder aufhellen, leise Töne verstärken. So passt jede:r die Darstellung an die eigene Wahrnehmung an.
DGS- und Schrift-Dolmetschung Die Teilnahme von Schrift-Dolmetscher:innen wird unterstützt, die Darstellung von Gebärdensprach-Dolmetscher:innen ist individuell anpassbar.
Automatische Untertitel Untertitel lassen sich im Meeting aktivieren, hilfreich bei Höreinschränkungen, Lärm oder einer ungewohnten Sprache.
Notfall-Einstellungen Vorab definierte Einstellungen, etwa alle Videos zu dimmen, lassen sich bei Bedarf mit einem Klick aktivieren.
Anleitungen in drei Sprachformen Hilfe gibt es in Deutscher Gebärdensprache (DGS), in Leichter Sprache und in Alltagssprache, ein Angebot für sehr unterschiedliche Bedürfnisse.
Niedrige Beitritts-Hürde Ein spontanes Meeting startet im Browser mit nur E-Mail und Name, ohne Installation. Registrierte Zugänge, etwa für Selbsthilfe-Organisationen, erlauben zusätzlich Planen und Aufzeichnen.

Auffällig ist das Grundmuster hinter diesen Funktionen: Sie geben Kontrolle an die Teilnehmenden zurück. Statt einer festen Ansicht für alle bestimmt jede:r selbst, wie das Meeting aussieht und klingt. Das ist der praktische Niederschlag des Mit-Betroffenen-Prinzips aus dem vorigen Abschnitt.

Datenschutz, Server in Deutschland, Open Source

Gerade in der Selbsthilfe, wo es um persönliche und gesundheitliche Themen geht, ist Vertraulichkeit keine Nebensache. INKLUSIVA Call ist deshalb nach eigenen Angaben DSGVO-konform, speichert so wenige Daten wie möglich und läuft auf Servern in Deutschland. Die persönlichen Barrierefreiheits-Einstellungen bleiben beim Nutzenden, im Browser oder in einer Datei, und werden vom Betreiber nicht gespeichert.

Technisch baut INKLUSIVA Call auf der quelloffenen Software Jitsi Meet auf, einer etablierten Grundlage für Videokonferenzen. Auch INKLUSIVA Call selbst ist Open Source und darf frei weiterentwickelt und in andere Sprachen übersetzt werden. Für Organisationen, die ihre Werkzeuge bewusst auf Datenschutz, einen nachvollziehbaren Server-Standort und offene Technik prüfen, ist das ein Werkzeug, das diese Fragen von Beginn an mitdenkt. Offener Quellcode heißt zudem: Wie die Software arbeitet, kann grundsätzlich jede:r nachvollziehen, statt es einem geschlossenen Produkt einfach glauben zu müssen.

Das Werkzeug ist die eine Hälfte

So gut ein Werkzeug auch ist, der Umgang damit entscheidet mit. Barrierefreiheit im Call ist keine Einzelaufgabe. Das W3C verteilt sie bewusst auf drei Schultern: die Organisator:innen, die Vortragenden und die Teilnehmenden. Wer welche Rolle hat, wechselt oft von Meeting zu Meeting, und manchmal trägst du alle drei gleichzeitig.

Wissens-Karte: Wer im inklusiven Meeting wofür sorgt
Rolle Hauptverantwortung
Gastgeber:in / Organisation Eine barrierefreie Plattform wählen, Untertitel und bei Bedarf Dolmetschung organisieren, vorab nach Bedürfnissen fragen und Materialien rechtzeitig zugänglich bereitstellen.
Vortragende:r Deutlich und nicht zu schnell sprechen, sichtbar bleiben, Visuelles beschreiben, ein gutes Mikrofon nutzen und Materialien vorab teilen. Mehr dazu im Detail-Artikel.
Teilnehmende Klar ins Mikrofon sprechen, sich an Wortmeldungen halten und Rücksicht nehmen, etwa Seitengespräche vermeiden und den Chat im Blick behalten.

Im Meeting selbst entscheiden ein paar kleine Gewohnheiten darüber, ob alle mitkommen. Sie kosten kaum Zeit und werden mit etwas Übung selbstverständlich:

Fünf Gewohnheiten, die jedes Meeting inklusiver machen
Gewohnheit Warum sie hilft
Visuelles beschreiben Sag, was auf der Folie steht, statt „das seht ihr ja“. Wer die Folie nicht sieht oder nur zuhört, bekommt so dieselbe Information.
Deutlich und ruhig sprechen Langsameres, klares Sprechen hilft beim Zuhören, beim Lippenlesen und der automatischen Untertitelung gleichermaßen.
Chat-Fragen laut wiederholen Wer eine Frage im Chat stellt oder ohne Mikrofon spricht, wird sonst von Untertiteln und Mithörenden nicht erfasst. Kurz wiederholen, dann antworten.
Pausen zwischen Themen Kurze Denkpausen geben allen Zeit, Gedanken zu sortieren, besonders nach einer Frage in die Runde.
Ablenkung begrenzen Stummschalten, wenn man nicht spricht, und Seitengespräche vermeiden. Nebengeräusche sind für Hörgeschädigte und für die Untertitelung schwer.

Keine dieser Gewohnheiten verlangt Spezialwissen. Die ausführliche Fassung für Menschen, die vortragen oder moderieren, findest du im Artikel Tipps für die vortragende Person. Wie du Untertitel in den gängigen Systemen einschaltest, zeigt der Artikel Liveuntertitelung in Onlinesystemen.

Zwei Mythen zu inklusiven Meetings

Mythos 1

„Inklusive Meetings sind aufwendig und teuer.“

Das Gegenteil ist meist der Fall. Die wirkungsvollsten Schritte kosten nichts: deutlich sprechen, Visuelles beschreiben, Chat-Fragen wiederholen, automatische Untertitel einschalten, Folien vorab teilen. Und schon die Wahl eines barrierefreien Werkzeugs nimmt dir viel ab. Aufwand entsteht nur bei besonderen Bedürfnissen wie professioneller Live-Untertitelung oder Gebärdensprach-Dolmetschung, und auch das ist planbar, wenn du früh fragst.

Mythos 2

„Solange niemand etwas sagt, ist alles in Ordnung.“

Schweigen ist kein Beleg für Zugänglichkeit. Viele Menschen melden einen Bedarf nicht, aus Sorge, aufzufallen oder als kompliziert zu gelten. Genau deshalb fragt man vorab und aktiv nach Bedürfnissen und gestaltet das Meeting von Anfang an offen, statt erst auf eine Beschwerde zu warten.

Checkliste für dein nächstes Meeting

Ein inklusiver Call ist selten das Ergebnis einer großen Maßnahme, sondern vieler kleiner. Ein Werkzeug zu wählen, das Barrierefreiheit mitdenkt, ist dabei einer der einfachsten und wirksamsten Schritte. INKLUSIVA Call zeigt, wie weit man kommt, wenn man Betroffene von Anfang an einbezieht. Den Rest machen Gewohnheiten, die du dir einmal aneignest, und dann öffnet sich dein nächstes Meeting Stück für Stück für mehr Menschen.